Dr. Walter Lokau
Hüfingen 9/ 2019

Auszug aus der Eröffnungsrede von Dr. Walter Lokau:

28. Internationale Keramikwochen Hüfingen 2019

Ausstellungen zeitgenössischer Keramik

07.09 – 22.09.2019

„Das Gefäß – Thema & Variation“

Stadtmuseum:
Sybille Abel-Kremer
Mechthild Poschlod

Rathausgalerie:
Thomas Bohle


Es mag das Motto unserer diesjährigen Ausstellungen im Rahmen der Keramikwochen Hüfingen dem einen oder der anderen etwas dröge erscheinen – wie einfallslos: „Das Gefäß“ – und ich meine damit sogar in der Hauptsache das gedrehte, das an der Töpferscheibe entstandene Gefäß. Haben wir in diesen nun bald 30 Jahren der Keramikwochen nicht übergenug Gefäße gesehen? Und ist nicht die Entwicklung in der zeitgenössischen Keramik inzwischen über das getöpferte Gefäß hinausgegangen? Hat es denn nicht Fortschritt auch in der Keramik gegeben? Wäre denn nichts Spannenderes, Interessanteres, Grenzen Überschreitenderes als Pötte, Häfele zu zeigen..?! Freie Keramikkunst…?!

Nun – ich würde sagen: Wer das keramische Gefäß dieser solchen Einwänden zugrundeliegenden Logik der Avantgarde, einer Logik der Befreiung, des Immer-freier-Werdens, unterwerfen will – verwechselt da etwas, der trifft die Sache nicht, geht gänzlich fehl:

Das Gefäß vergeht nicht, es ist nicht zu überwinden, nicht zu befreien – es schert sich nicht um avantgardistische Zumutungen, verlangt nicht nach seiner Befreiung, braucht auch nicht immer freier zu werden – weil es im Grunde gleich bleibt, das Gleiche, fast möchte man das archaische Bild der platonischen Idee, des ewig transzendenten, darum aber nicht minder wirksamen, weil in allen realisierten Gefäßen wirkenden Ur-Bildes des Gefäßes sprechen.

Das Gefäß ist vermutlich so alt wie die Menschheit, und ganz sicher, man schaue nur genau hin, wäre die Menschheit nicht geworden, was sie ist, ohne das Gefäß – noch moderne Technik beruht in weiten Teilen auf dem Prinzip des Gefäßes. Gefäße sind zweckgebunden, es gehört zum Wesen des Gefäßes, wenigstens die Möglichkeit seines Benutzens zu bieten, es ist eine offene Hülle, die etwas zu bergen vermag. Aber jedem Gefäß, das entsteht, wohnt auch ein Überschuß inne, der in schierer Zweckhaftigkeit nicht aufgeht: Immer, zu allen Zeiten gab es auch einen Anteil an Freiheit, eine gleichsam lyrische, eine poetische Seite des Gefäßes, die sich in Form oder Dekor, regional beschränkt, zeit- und kulturgebunden, zeigte und das das ästhetische Empfinden der Menschen offenbarte, angefangen von den gebauten Gefäßen des Neolithikums. Und gewiß ist diese freie, lyrische, poetische Seite des Gefäßes gewachsen, vollends hat diese Freiheit in der Ausgestaltung die Oberhand gewonnen, seit es so etwas wie Studiokeramik, kunsthandwerkliche Unikatgefäße gibt, formal und technisch… Doch wie groß dieser Spielraum auch geworden ist: Wo das Gefäß Gefäß bleibt, rekurriert es auf althergebrachte Elemente, setzt sich aus ihnen zusammen, wie ein ordentlicher Satz in einer Sprache sich aus vorab bestimmten Elementen, gemäß verbindlicher Regeln sich zusammensetzt.

Volker Ellwanger hat mehrfach betont: Das Gefäß hat eine Sprache. Ich möchte es sogar weitergehend fassen: Das Gefäß ist eine Sprache, die eine Grammatik, eine Syntax hat, auch wenn es beim Gefäß nicht um eine konkrete Aussage, ein Mitteilen geht, sondern nur um das Gefäß.

Was kann man in, mit dieser Sprache des Gefäßes machen? Wie billig: Gefäße. Heute einzigartige, schöne Gefäße – kurz: Jedes reale Gefäß, das heute entsteht, ist ein Zitat aller anderen früheren Gefäße, ein Paraphrase, eine freie, aber auf sich verpflichtete Variation des Grundthemas Gefäß. Womit wir beim vollständigen Motto unserer diesjährigen Ausstellung wären: „Das Gefäß – Thema & Variation“.

Thema & Variation – dieses Paar stammt aus der Begrifflichkeit der Musik – die Musikwissenschaft weiß:

Variation wird ein Teil einer Komposition genannt, der ein Thema melodisch, harmonisch, rhythmisch oder dynamisch verändert. (…)

Als erste Regel gilt, dass bei allen Variationen die Grundzüge des Themas nie ganz unterdrückt werden. (…)

Man wendet (…) Variationen in jedem Musikstück an, um der Wiederkehr desselben Gedankens durch die Mannigfaltigkeit der melodischen und harmonischen Behandlung mehr Reiz zu verschaffen.“

Unschwer erkennt man darin auch unser Thema: Das Gefäß jenseits seiner schieren Zweckmäßigkeit wird zu einem zwar streng gebundenen, doch im Rahmen seiner Bindung freien „Vers“, einer kleineren oder größeren komponierten Melodie, die dann wiederum von Gefäß zu Gefäß, formal, glasurtechnisch, brenntechnisch, variiert wird. Ein jedes Gefäß wird zur Variation des Grundthemas, das es selbst ist. Nichts darüber hinaus.

Das Gefäß kann nicht von sich befreit werden – entweder man beugt sich in diesen Rahmen, nimmt die Verpflichtung, diese Kern-Bewahrung an, akzeptiert diese Rück-Bindung und damit all ihre historischen und technischen Implikationen – oder man verläßt diesen Rahmen, aber damit tritt man in ein anderes Feld über, gerät in ein anderes Genre mit wiederum eigenen Gesetzen und Regeln, und sei es auch das heute so beliebte Gesetz der Gesetzlosigkeit, die präferierte Regel der Regellosigkei. Läßt man sich aber auf das Genre des Gefäßes ein, will man die Sprache des Gefäßes sprechen, kommt man nicht umhin, die Syntax und Grammatik dieser Sprache zu lernen und stillschweigend zu beachten. Tut man dies, wird man darin keine Einschränkung, keine Unfreiheit empfinden, im Gegenteil: Man wird erfahren, daß dieser Rahmen ewige Variation, unendliche Nuancen in sich eröffnet – dieser Rahmen kann gleichsam unendlich in sich selbst erweitert, gedehnt werden, ohne daß man darum seine Grenzen gewaltsam willentlich oder unwillentlich antasten oder gar einreißen müßte. Und diese Sprache des Gefäßes gewährt Dialekte, ja sogar ganz eigenartige, singuläre Idiome – mit anderen Worten: sehr persönlichen, unnachahmlichen und wiedererkennbaren Stil…

Jeden der drei heute hier Ausstellenden – im Stadtmuseum Sybille Abel-Kremer und Mechthild Poschlod, im Rathaus Thomas Bohle – schätze ich just seines besonderen Gefäß-Idioms, seines keramischen Dialektes wegen – und der Hartnäckigkeit, der Ausdauer wegen, mit der ein jeder, eine jede der drei seine/ihre Arbeiten formuliert, immer und immer wieder in Variation…

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Mechthild Poschlod

Mechthild Poschlod – *1958 geboren in Gelsenkirchen1979 bis ‘81 Ausbildung zur Keramikerin, 1982 bis ‘87 Studium der Freien Kunst an der Kunsthochschule Kassel, Keramik bei Prof. Ralf Busz und Young-Jae Lee – lebt seit Mitte der 1990er Jahre in Kassel, arbeitet seit 2006 in Ateliergemeinschaft mit dem Maler Fritz Th. Röbbing (Malerei): So hätte denn unsere zweite Ausstellerin auch gut in das letztjährige Programm mit dem Schwerpunkt der „Kasseler Schule“ gepaßt.

Es ist im Rückblick erstaunlich zu sehen, wie prägende Formsprachen auch das Genre des keramischen Gefäßes durchziehen und fortwirken. Mechthild Poschlod entstammt der “Kasseler Schule”, einst undogmatisch um 1960 begründet von dem revolutionären Keramiker Walter Popp an der Kunsthochschule in Kassel und später dort fortgesetzt von dessen Schüler Ralf Busz, Lehrer wiederum Mechthild Poschlods, neben der Koreanerin Young-Jae Lee. Anders aber als Popps damalig provozierend laute Gefäß-Inventionen – oft Gefäßmontagen mit informell malerischem Glasurauftrag – sind Mechthild Poschlods Arbeiten leise, still, gediegen und gleichwohl noch immer spürbar von einem Gran “Kassel” bestimmt: Kräftig und perfekt gedrehte, starkwandige und dennoch ausgewogen zarte, meist kleine Gefäße – gefußte Kummen, Schalen, Teller, Knickwandvasen –, gekleidet in zumeist monochrom-edle Glasuren, matt oder glänzend, mitunter engmaschig craqueliert, insgesamt zeugend von Formwillen und Beherrschung des Metiers. Dem Zufall wird hier nichts überlassen, es herrscht die sensible, nuanciert variierende Entscheidung. Wie ästhetisch präzise hier ein harter Umbruch in die Silhouette eines Gefäßes gezogen ist, wie Rand und Kante betont sind, wo die Gliederung die gedrehte Form unterbricht und zugleich stimmig fortsetzt, ganz abgesehen von den satten, aber zurückhaltenden Farbigkeit der zu meiner Überraschung ausschließlich aus dem oxidierenden Brand gewonnenen Glasuren oder der auch bei engem Fuß durch die innere Masseverteilung sicheren Standfestigkeit eines Gefäßes – solch‘ feine, ja feinsinnige Formulierung des Gefäßes ist rar geworden heutigentags und will in ihren Schritten nachvollzogen, als Komposition in ihrer Gesamtheit genossen sein. Diese schon fast klassisch-modern zu nennende, inzwischen so seltene Position zeigt sich pointierter, ausdrücklicher noch in den plastischen, aus Platten montierten Arbeiten: Streng komponierte, gestreckte, auf sich reduzierte Kasten- oder Würfelobjekte von weißlich engobierter und abschließender geschliffener und polierter Oberfläche, Objekte noch immer mit Gefäßanklang, deren minimalistische Elemente – ein Öffnungseinschnitt, ein überstehender Grat, die Wölbung einer Wandung – wohlerwogen und genaugefühlt gesetzt sind.

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Meine Damen & und Herren, am Anfang fragte ich, ob wir hier im Laufe der 28 Jahre Keramikwochen Hüfingen nicht schon genug Gefäße gesehen hätten. Sie kennen meine Antwort: Nein. Die schon nie weit verbreitet gewesene Fähigkeit, Gefäße überhaupt zu erkennen, ihre Sprache zu lesen, hat in den letzten Jahrzehnten in Deutschland auch noch rapide abgenommen. Ausstellungen wie die die heute hier eröffneten, sind nicht zuletzt Angebote, sehen zu lernen, lesen zu lernen – und ich versichere Sie: Keramische Gefäße daheim befördern den keramischen Alphabetismus ungemein…

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Dr. Walter Lokau
dr.walter.lokau@t-online.de


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